Artgerechte Hundehaltung: Was bedeutet das wirklich?

Wir alle haben schon von artgerechter Hundehaltung gehört und wissen irgendwie, dass sie gut ist. Aber was genau ist das eigentlich? Der Definition nach verfolgt artgerechte Tierhaltung den Ansatz, dass die Bedürfnisse des Tieres im Vordergrund stehen. Das bedeutet, dass wir bei der Tierhaltung dafür sorgen, einem Tier Lebensumstände zu ermöglichen, die seinen natürlichen Bedürfnissen entsprechen.

Ein Pferd als Lauftier fühlt sich auf einer Weide wohler als in einer Box im Stall, ein Kaninchen muss mit Heu und Grünzeug gefüttert werden statt mit Keksen. Artgerechte Tierhaltung ist aber noch viel mehr als das, denn auch Tiere sind komplexe und fühlende Wesen – nur sind sie eben vollkommen anders als wir Menschen.

Ganz besonders die artgerechte Hundehaltung stellt uns vor eine große Herausforderung, denn Hunde als Rudeltiere sind sehr kommunikative Wesen, die mit einer vielschichtigen »Sprache« kommunizieren. Nur verwenden sie eben keine Worte, sondern viele verschiedene Signale, die noch durch kaum sichtbare Nuancen verstärkt werden oder abweichende Bedeutungen erlangen.

 

Ist die Sprache der Hunde für uns eine Fremdsprache?

Wenn wir als Menschen mit Hunden artgerecht kommunizieren wollen, müssen wir eine komplexe Sprache erlernen, die vollkommen anders funktioniert als die gesprochene Sprache, in der wir uns intuitiv zurechtfinden. Es ist also vollkommen normal, dass es auch bei der artgerechten Hundehaltung immer wieder zu Missverständnissen zwischen Mensch und Hund kommt, weil wir Menschen etwas gesagt, aber das Gegenteil davon ausgedrückt haben.

Glücklicherweise sind Hunde sehr geduldige und einfühlsame Wesen, die uns niemals bewerten wie ein Lehrer in der Schule. Hunde sehen uns als Gefährten, die sie zu gern verstehen möchten, damit wir ein entspanntes Miteinander haben. Und wenn wir uns darauf einlassen, auf die wortlosen Signale der Hundesprache zu achten, stellen wir schnell fest, dass auch wir Menschen die Körpersprache beherrschen – sie ist uns nur nicht mehr so bewusst wie früher!

 

Wieso ist Kommunikation unter Hunden so wichtig?

Wieso ist Kommunikation unter Hunden so wichtig?Hunde sind sehr anpassungsfähige Wesen, die sich auf die verschiedensten Lebensumstände einstellen können. Da sie keine Einzelgänger sind, gibt es natürlich für sie im täglichen Leben immer viel zu besprechen. Wie in jedem guten Familienbetrieb ist es in einem Hunderudel wichtig, dass jeder seine Aufgaben kennt, aber auch spontan da einspringen kann, wo er gebraucht wird.

Damit das Leben im Rudel (oder in einer gemischten Mensch-Hund-Gruppe) reibungslos funktioniert, ist es wichtig, manchmal überlebenswichtig, dass die Kommunikation effizient und unmissverständlich ist. Daher sind Hunde nicht nur Meister darin, sich differenziert auszudrücken, sondern auch darin, ihr Gegenüber zu »lesen«. Sie haben von Natur aus den Willen, uns richtig zu verstehen.

 

Die Fallstricke für uns Menschen, wenn wir die Sprache der Hunde lernen

Es klingt paradox, aber unser größtes Hindernis, uns auf die Sprache der Tiere einzulassen, ist das gesprochene Wort. Denn als Menschen lernen wir, mit Sprache Botschaften zu verschleiern, um das Miteinander reibungslos zu gestalten. Vielleicht kennst Du selbst die Situation: Du hast Sorgen, Bauchschmerzen und dann auch noch schlecht geschlafen. Dann triffst Du beim Einkaufen eine Bekannte, die Du vielleicht noch nicht einmal besonders gut leiden kannst. Wenn sie Dich fragt, wie es Dir geht, antwortest Du automatisch: »Danke, gut!«

Wieso tust Du das? Die Gründe dafür sind komplex. Vielleicht möchtest Du keine Schwäche zeigen, vielleicht möchtest Du kein Jammerlappen sein, vielleicht hast Du auch einfach keine Zeit und Lust, über Deine Gefühlswelt zu reden. Unter Menschen kommst Du meistens damit durch. Die Bekannte wird abspeichern, dass es Dir gut geht, weil Du es gesagt hast.

Dann kommst Du nach Hause, Dein Hund begrüßt Dich und Du hast das Gefühl, dass er genau spürt, wie Du Dich fühlst. Selbst, wenn Du dreimal laut erzählst, wie fantastisch es Dir geht, wird das Deinen Hund nicht beeindrucken, denn das gesprochene Wort ist für ihn nur ein Geräusch ohne Inhalt. Er liest Deine Energie, Deine Körperspannung, er erschnüffelt Deine Hormone und sieht, wie Du »die Ohren hängen lässt«. Und, ja, das kann er! Obwohl Du als Mensch aus seiner Sicht sehr verkümmerte Öhrchen hast, die Du noch nicht einmal gespannt aufstellen kannst, wenn Dich etwas interessiert!

 

Missverständnisse in der Mensch-Hund-Kommunikation, die jeder kennt

Jeder Mensch hat in seinem Leben schon Brocken der »Fremdsprache Hund« aufgeschnappt, die auch immer wieder transportiert und selten hinterfragt werden. Das Problem bei diesen »Übersetzungsfehlern« ist aber, dass wir dadurch das Verhalten unserer Hunde falsch deuten und Konflikte heraufbeschwören, anstatt sie zu entschärfen oder einfach gleich zu verhindern.



»Wenn der Hund mit dem Schwanz wedelt, freut er sich!«

Das Wedeln mit dem Schwanz ist keineswegs mit einem menschlichen Lachen oder sogar einem Luftsprung vergleichbar, es ist eine Frage. Steht der Hund vor uns und wedelt abwartend mit dem Schwanz, heißt das also nicht automatisch: »Wie schön, Dich zu sehen!« Es heißt: »Okay, da sind wir zwei also. Und was machen wir jetzt?« Je nachdem, wie wir auf diese Frage reagieren, geht die Kommunikation dann weiter.



»Wenn ein Hund sich auf den Rücken legt, unterwirft er sich!«

Ein Hund, der sich unterwirft, tut alles, um seinem Gegenüber zu zeigen, dass er sich unterordnet, um einen Konflikt zu entschärfen. Er duckt sich, macht sich so klein, als wollte er wieder ins »Welpenschutzprogramm« aufgenommen werden und sucht Blickkontakt, um abzufragen, welches Verhalten von ihm erwartet wird. Ein Hund, der entspannt auf dem Rücken liegt, die Beine in die Luft streckt und vielleicht noch glücklich grunzt, ist eher mit einem Menschen im Liegestuhl vergleichbar, der endlich Feierabend hat.



»Ein gut erzogener Hund geht immer bei Fuß oder hinter dem Herrchen!«

Wer diesen Satz gehört hat, geht natürlich davon aus, dass er sich durchsetzen und auf dieser Regel bestehen muss, damit der Hund ihm nicht auf der Nase herumtanzt. Aus menschlicher Sicht ist das sogar gut gemeint, schließlich brauchen Hunde klare Grenzen und Orientierung über ihre Stellung im Rudel. Hunde handhaben diese Dinge unter sich allerdings vollkommen anders. Die neugierigen Jungen und das mittlere Management im Team preschen vielleicht eifrig vor und wollen unbedingt als Erstes durch die Tür – ein erfahrenes Leittier dagegen ruht in sich selbst und bleibt im Chefsessel, bis seine Kompetenzen gefragt sind. Wenn wir als Hundehalter ständig darauf bestehen, den Vortritt zu bekommen, sagen wir also das Gegenteil von dem, was wir sagen möchten. Wir teilen unserem Hund dadurch mit, dass er als Chef ruhig nachkommen kann, weil wir uns als eifrige Servicekräfte um alles kümmern.

Spätestens jetzt wird klar, dass unser menschliches Halbwissen für Hunde sehr verwirrend sein kann. Denn wir gehen oft von falschen Voraussetzungen aus, wenn wir glauben, unseren Hunden etwas Gutes zu tun und richtig mit ihnen zu kommunizieren. Aber wie können wir das ändern, ohne noch mehr Missverständnisse zu verursachen?

 

Der erste Schritt in die gelungene Kommunikation mit Deinem Hund: Entspanne Dich und bleibe authentisch!

Würdest Du sagen, dass Du Dich nach einem Abendkurs für Chinesisch fit genug in der Sprache fühlst, um nach China zu fliegen und geschäftliche Verhandlungen zu führen? Wohl eher nicht. Wahrscheinlich wärst Du vollkommen zu Recht stolz darauf, wenigstens die Begrüßung ohne größere Fettnäpfe zu überstehen. Schließlich ist China für Dich ein völlig fremder Kulturkreis. Nicht nur die Sprache ist Dir vollkommen fremd, sondern auch die Sitten, die Körpersprache und die Sozialisation der Menschen.

Die Verständigung ist also naturgemäß sehr schwierig und Deine chinesischen Geschäftspartner gehören zur selben Spezies wie Du! Wie können wir Menschen dann von uns erwarten, dass wir die Sprache der Hunde innerhalb weniger Tage fehlerfrei lernen? Sie gehören zu einer anderen Art! Und wie können wir dann auch noch erwarten, dass es zwischen uns und unserem Hund keine Missverständnisse geben wird?

Der erste Schritt in ein entspanntes Miteinander mit Deinem Hund sollte also in der Akzeptanz Deiner eigenen Fehler liegen. Hey, Du lernst gerade eine komplizierte Fremdsprache, für die es noch nicht einmal Wörterbücher gibt! Deine Fehler sind dabei ein wertvoller Wegweiser. Denn wenn Dein Hund nicht versteht, was Du von ihm möchtest, spiegelt er Dir eine ganz klare Botschaft: Er sagt Dir, dass Du Dich nicht klar ausgedrückt hast und bittet um mehr Informationen.

Damit gibt er Dir wertvolles Feedback. Fantastisch daran ist, dass Hunde uns niemals bewerten. Dein Hund würde niemals denken: »Mein Gott, ist dieser Mensch blöd!«, denn Hunde leben in einer wertfreien Welt. Auf dem Weg zur artgerechten Hundehaltung ist Dein Hund Dein Partner, Dein Coach und der beste Ratgeber, den Du finden kannst.

Gerade der Vizslador ist ein ausgesprochen einfühlsamer und »sprachbegabter« Partner für Menschen, die sich um artgerechte Kommunikation mit ihrem Hund bemühen. Denn Vizsladore sind so sensibel, dass sie auch kleinste Nuancen in der Körpersprache und der Energie ihrer menschlichen Rudelmitglieder wahrnehmen.

 

Lerne durch Beobachtung!

Nein, Dein Hund wird nicht abfragen, ob Du Deine Vokabeln gelernt hat. Er wird mit Dir leben und den Alltag mit Dir teilen und in jeder einzelnen Sekunde mit Dir kommunizieren. Selbst, wenn er entspannt schnarchend neben Dir liegt, kommuniziert er. Denn er sagt damit, dass er sich wohl und sicher fühlt. Du hast also jederzeit die Gelegenheit, von Deinem Hund zu lernen. Beobachte, wann er aufdreht, wann er sich entspannt, wie er Dir sagt, dass Aufmerksamkeit geboten ist und wann er Dir seine Zuneigung zeigt.

 

Kommunikation findet niemals ohne Zusammenhang statt!

Betrachte auch immer die Zusammenhänge, in denen Dein Hund bestimmte Reaktionen zeigt, denn ein Hund ist keine Insel. Er ist durch seine sensible Sinneswahrnehmung viel besser mit seiner Umwelt vernetzt als wir kopflastigen Menschen und tut nichts ohne Grund. Dein Hund lehrt Dich Achtsamkeit und Ganzheitlichkeit, wenn Du Dich darauf einlässt, seine Signale einfach nur wahrzunehmen. Er lehrt Dich, im Moment zu sein, am Wind zu schnuppern, Deine eigenen Gefühle deutlicher zu erkennen. Denn Dein Hund ist ein Spiegel, der nicht Deine Frisur und Deine Kleidung zeigt, sondern Deine Energie und Deine Stimmungen.

Ich selbst lebe seit Jahren mit meinen Hunden zusammen und lerne noch jeden Tag etwas dazu, allein durch Beobachtung und Reflexion. Hunde leben in einer Wenn-Dann-Welt, jeder Reaktion ist ein Impuls vorausgegangen. Wenn Du die Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung erkennst und danach handelst, bedankt sich Dein Hund dafür mit rücksichtsvollem Verhalten und der Erfüllung Deiner Wünsche. Denn wenn Eure Bindung stark ist, gibt es für Deinen Hund nichts Schöneres, als wortloses Verstehen und entspanntes Miteinander.

 

Ein praktisches Beispiel für gelungene Kommunikation

Natürlich neigen wir Menschen dazu, von uns auf andere zu schließen. Unter Menschen ist das auch oft in Ordnung. Zwischen Mensch und Hund kommen durch die wohlgemeinte Vermenschlichung des Hundes immer wieder Missverständnisse auf. Höfliche Menschen grüßen zum Beispiel, wenn sie ein Zimmer betreten und da jemand sitzt. Je nachdem, ob wir ein Wartezimmer voller Fremder betreten oder das eigene Wohnzimmer, passen wir unseren Gruß an. Wir nicken diskret und murmeln »Guten Tag!«, wenn wir das Wartezimmer betreten. Wenn wir ins Wohnzimmer kommen, streichen wir unserem Schatz auf dem Sofa vielleicht kurz über die Schulter, um wortlos zu sagen: »Ich hab Dich wahrgenommen, schön, dass Du da bist!«

Einen Raum zu betreten und den Menschen auf dem Sofa einfach zu ignorieren, ist unter uns Menschen kein gutes Signal. Unser Schatz wird sich fragen, ob er vergessen hat, den Müll rauszubringen oder was wir ihm mit unserer Missachtung wohl sagen wollen. Weil wir Menschen so denken und höflich zu unserem Hund sein wollen, begrüßen wir ihn also, wenn wir hereinkommen. Der arme Racker soll ja nicht denken, dass er etwas angestellt hat. Hunde und Ehepartner können zwar beide treue Gefährten sein, aber damit sind die Ähnlichkeiten auch meist schon erschöpft. Denn wenn wir unseren Hund jedes Mal begrüßen, wenn wir ins Zimmer kommen, setzen wir ihn ungewollt Stress aus.

Jede Interaktion, und sei sie noch so gut gemeint, ist unter Hunden Stress. Denn Hunde »sprechen« ihre Gefährten nur an, wenn Handlungsbedarf besteht. Einfach an einem schlummernden Hund vorbeizulaufen und zu tun, als wäre er gar nicht da, signalisiert ihm, dass er jetzt nichts tun muss und entspannt liegen bleiben darf. Aber wieso ist es so wichtig, den Hund nicht an eine Begrüßung zu gewöhnen? Spätestens, wenn Du einen Haushaltstag einlegst und viel hin- und herläufst oder wenn Du jedes Mal, wenn das Telefon klingelt, erst das Begrüßungsritual vollziehen musst, bevor Du am Schreibtisch ankommst, weiß Du einen entspannt liegenden Hund zu schätzen!

 

Dein Hund und Du als starkes Team

Artgerechte Hundehaltung setzt immer Respekt vor dem Hund als eigenständiges Wesen voraus und fordert damit von uns Hundehaltern einen Perspektivwechsel, der sich zuerst ungewohnt anfühlen kann. Stellen wir die Bedürfnisse des Hundes nicht über unsere eigenen, wenn wir unsere Kommunikation an seine anpassen und nicht umgekehrt? Das Gegenteil ist der Fall! Denn gute Kommunikation setzt immer voraus, dass wir unseren Gesprächspartner da abholen, wo er steht.

Wenn wir mit dem Hund in seiner Sprache sprechen, um ihm mitzuteilen, welches Verhalten wir von ihm wünschen, fühlt er sich instinktiv sicher bei uns und darauf kommt es bei einer guten Bindung schließlich an. Wenn Du mehr über artgerechte Hundehaltung lernen und praktische Erfahrung sammeln willst, lade ich Dich herzlich ein, einen Tag bei der artgerechten Hundezucht soul of nature zu verbringen und mit mir und meinem Rudel die Sprache der Hunde zu sprechen.

 

 

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