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Bedürfnisse des Hundes: Wieso Du sie unbedingt respektieren solltest

Die Bedürfnisse des Hundes stehen bei der artgerechten Hundehaltung im Vordergrund und mit Sicherheit hast Du Dir schon viele Gedanken gemacht, bevor Du Dir einen Hund anschaffst. Du stellst Dir Fragen wie: »Kann ich ihm ausreichenden Platz bieten? Welches Futter braucht er, um gesund zu bleiben? Wie viel Zuwendung kann ich ihm täglich geben, wie viel Auslauf braucht er?«

Damit hast Du schon viele grundlegende Bedürfnisse des Hundes abgedeckt. Und trotzdem kann es manchmal passieren, dass Dein Zusammenleben mit dem Hund nicht so harmonisch verläuft, wie Du es erwartet hast. Manche Hunde werden so betreuungsintensiv, dass sie regelrecht klammern, andere zeigen dominantes oder sogar aggressives Verhalten.

Spätestens, wenn ein Hund unberechenbar wird, knurrt oder sogar schnappt, wird es höchste Zeit, die Zeichen zu deuten. Denn damit zeigt ein Hund, dass er auch emotionale und soziale Bedürfnisse hat, die nicht artgerecht befriedigt werden.

Ursachen abklären und richtig handeln

Zeigt ein ansonsten entspannter und pflegeleichter Hund plötzlich aggressives Verhalten, sollte der erste Weg zum Tierarzt führen. Denn manchmal sind Schmerzen die Ursache für so einen Verhaltenswandel. Auch wir Menschen können schließlich zu unangenehmen Zeitgenossen werden, wenn uns Zahnschmerzen plagen.

Nur können Hunde uns nicht sagen, was sie quält, also sollte ein erfahrener Tierarzt abklären, ob vielleicht gesundheitliche Probleme vorliegen. Ist das aber nicht der Fall, müssen wir uns die Bedürfnisse des Hundes näher ansehen und gezielt darauf eingehen. Denn artgerechte Hundehaltung bedeutet mehr als gutes Futter und einen warmen Platz zum Schlafen!

Wie sehen die emotionalen Bedürfnisse des Hundes aus?

Hunde sind sehr intelligente und anpassungsfähige Tiere. Als ausgesprochen soziale Wesen haben sie die Fähigkeit, sich auf die unterschiedlichsten Lebensbedingungen einzustellen. Ihr Repertoire reicht vom Schlittenhund über den Blindenhund bis zum Begleithund therapiebefürftiger Menschen, die ohne ihren Hund kaum soziale Kontakte oder einen geregelten Tagesablauf hätten.

Hunde sind liebevolle Multitalente, die uns Menschen unglaublich viel schenken. Jeder »ganz normale« Familienhund, dem das Baby an den Ohren zieht, der die Ruhe bewahrt, wenn die Kinder lachend durchs Haus rennen und der so rücksichtsvoll ist, die Oma nicht anzuspringen, leistet täglich zahllose soziale Interaktionen. Um all das leisten zu können, bringen Hunde Fähigkeiten mit, die von uns Menschen immer noch unterschätzt werden.

Denn Dein Hund will nicht nur buddeln, schnüffeln, fressen, knuddeln und schlafen. Er will sich auch sicher und geborgen fühlen. Er will Dich verstehen und von Dir verstanden werden, damit er sich mit Dir abstimmen kann. Er will durch Bindungsverhalten sein Anschlussbedürfnis befriedigen und durch Erkundungsverhalten seine Grenzen und Möglichkeiten kennenlernen.

Seine Bedürfnisse nach Orientierung, Respekt und liebevoller Führung sind für ihn genauso wichtig wie seine Bedürfnisse nach Futter, Ruhe und Schutz. Diese emotionalen Bedürfnisse des Hundes sind sehr positiv und berechtigt, denn ohne sie könnte der Hund niemals unser bester Freund werden. Werden sie aber nicht oder falsch befriedigt, kann der Hund sein Mangelgefühl durch unerwünschtes oder sogar aggressives Verhalten ausdrücken.

Versetzen wir uns doch einmal in die Lage des Hundes!

Zugegeben, die Gratwanderung zwischen einem hilfreichen Perspektivwechsel und Vermenschlichung des Hundes ist immer eine kniffelige Sache. Ein Perspektivwechsel bringt uns dazu, dem Hund bei Schnee, Eis und Streusalz die Pfoten mit Vaseline zu pflegen. Vermenschlichung führt zum Beispiel dazu, dass wir mit unserem Hund in der Menschensprache sprechen und von ihm erwarten, dass er unsere Worte versteht – obwohl unsere Körpersprache vielleicht etwas ganz anderes sagt. Denn der Hund achtet nicht auf unsere Worte, sondern auf Körpersprache, Mimik und Ausdruck.

In einigen Fällen ist es aber hilfreich, Rückschlüsse von unseren Bedürfnissen auf die Bedürfnisse des Hundes zu ziehen. Denn wir beide sind soziale Wesen, die respektiert und gehört werden wollen.

Was können wir von der gewaltfreien Kommunikation lernen?

Auf Menschen bezogen hat der amerikanische Psychologe Marshall Rosenberg die gewaltfreie Kommunikation entwickelt. Rosenberg setzt voraus, dass jeder von uns grundlegende Bedürfnisse hat, die positiv sind und auf deren Erfüllung wir ein Recht haben. Destruktives oder sogar aggressives Verhalten betrachtet Rosenberg als den tragischen Ausdruck nicht erfüllter Bedürfnisse.

Praktisch gesagt heißt das: Wer immer wieder das Gefühl hat, dass ihm niemand zuhört, wird dann eben aus Hilfslosigkeit laut und im schlimmsten Fall körperlich aggressiv, um auf seine Mangelgefühle aufmerksam zu machen. Hier ist die Parallele zwischen Menschen und Hunden nicht zu übersehen.

Denn wenn Hunde in ihren Bedürfnissen nicht wahrgenommen werden, resignieren sie und antworten mit einer »inneren Kündigung«. Oder sie werden – ja nach Temperament – aggressiv. Ein Hund, der innerlich gekündigt hat, hat sich aufgegeben und kann für unsensible Hundehalter äußerlich tatsächlich wirken wie ein gut erzogener Hund.

Er ist aber nur ein Befehlsempfänger, der Kommandos ausführt, um Stress zu vermeiden. So ein Hundeleben ist alles andere als artgerecht. Ein Hund, der offen aggressiv wird, ist brandgefährlich für seine Umgebung. Einen solchen Hund als Problemhund abzustempeln, ist allerdings der falsche Weg. Denn das Problem liegt meistens darin, dass die Bedürfnisse des Hundes dem Halter nicht bewusst sind.

Soziale Exploration: Wieso es gut ist, wenn Dein Hund Dich testet

Soziale Exploration wird auch als aggressive soziale Exploration oder als Rangstufenaggression bezeichnet. Was sich sehr negativ anhört, ist ein ganz normaler Bestandteil des sozialen Miteinanders in Gruppen – bei Menschen wie bei Tieren. Jedes Kleinkind, das im Supermarkt einen Trotzanfall bekommt, weil die Eltern nicht alle bunten Schokoriegel sofort kaufen, zeigt typisches Verhalten für soziale Exploration: Es testet, was es darf und welche Möglichkeiten es hat, seine Bedürfnisse zu befriedigen.

Nur durch solche Tests können Kinder, Hunde und noch viele andere Wesen, die in sozialen Gruppen leben, herausfinden, wo die Grenzen sind. Zeigen wir als Eltern ganz klare Grenzen, ist das Kind vielleicht nicht unbedingt begeistert, weil es keine Schokoriegel bekommt. Es macht aber auf seiner Entdeckungstour durchs Leben einen wertvollen Lernschritt: Es lernt, dass es seinen Willen nicht durchsetzen kann, indem es sich schreiend im Supermarkt wälzt.

Jetzt könnten wir natürlich denken, dass wir unglaublich gemein sind. Ist es nicht falsch, das Bedürfnis des Kindes zu ignorieren und ihm den kleinen Schokoriegel nicht zu gönnen? Falsch wäre es, wenn wir einfach keine Reaktion zeigen würden. Denn dann würde das Kind sich vollkommen zu Recht nicht wahrgenommen fühlen und noch lauter schreien. Wenn wir aber klar und deutlich sagen, dass wir keine Süßigkeiten kaufen, weil es gleich Mittagessen gibt, vermitteln wir damit folgende Botschaften:

  • Ich habe Dein Bedürfnis wahrgenommen
  • Darauf, dass Du Hunger hast, reagiere ich mit dem Hinweis auf das Mittagessen
  • Durch mein ruhiges und konsequentes Nein gebe ich Dir Orientierung, wo die Grenze ist

In der Praxis ist es leider nicht immer so einfach, Gelassenheit und Konsequenz auszustrahlen, wie es jetzt klingt. Aber der Gedanke daran, dass wir aus einem positiven Bedürfnis – nämlich dem, zu lernen und sich zu einem sozialen Wesen zu entwickeln – getestet werden und mit klaren Grenzen Sicherheit vermitteln, hilft ungemein!

Die Grenzen Deines Hundes zu respektieren unterstützt seinen Lernprozess

Dein Hund testet also seine Grenzen aus dem Bedürfnis heraus, dazuzulernen und herauszufinden, wie Euer Miteinander entspannt und liebevoll funktionieren kann. Dazu möchte er seinen Platz im Rudel kennen, damit er sich entsprechend verhalten kann. Er testet Dich also niemals aus negativen und sehr menschlichen Motiven, etwa, um Dich dumm aussehen zu lassen oder um Dich als einen Hundehalter vorzuführen, den er unmöglich ernst nehmen kann.

Er testet Dich, um herauszufinden, was Du von ihm erwartest und um zu lernen, wie er ein »guter Hund« sein kann. Wenn Du sein Verhalten aus diesem Blickwinkel betrachtest, fällt es Dir viel leichter, Dich von seinem Verhalten nicht provoziert zu fühlen, sondern darin eine hündische Liebeserklärung zu sehen: Er möchte, dass im Rudel alle zufrieden sind. Er möchte wissen, welche Grenzen er respektieren muss, um Konflikte zu vermeiden.

Dein Hund lernt von Dir rund um die Uhr!

Hunde lernen aber nicht nur durch soziale Exploration, sondern auch durch Nachahmung. Eine Studie belegt, dass Hunde sogar dann das Verhalten ihrer Bezugspersonen nachahmen, wenn es vollkommen sinnlos ist. Und hier bist Du als Leittier gefragt!

Durch das Leben mit meinen Hunden im Rudel habe ich jeden Tag Gelegenheit, die Leittiere dabei zu beobachten, wie sie die »Familienangelegenheiten« regeln. Nicht die lauten, die temperamentvollen und ungestümen Hunde haben das Sagen, sondern die ruhigen und erfahrenen Tiere, die mit Gelassenheit klare Grenzen aufzeigen.

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Das ganze Rudel kümmert sich gemeinsam um die Welpen. Hundeerziehung ohne Leckerlie!

Die Bedürfnisse des Hundes nach klarer Führung und Grenzen sind tief in ihm verankert und werden bei den Welpen von den älteren Tieren schon in der Wurfkiste befriedigt. Der Wunsch nach »Feedback«, ob das eigene Verhalten richtig oder falsch ist, ist für Hunde also ein vollkommen selbstverständliches Bedürfnis. Gib Deinem Hund ruhig und konsequent dieses Feedback, um seinen natürlichen Wunsch nach Führung und Orientierung zu befriedigen!

Leider ist in den Köpfen vieler Menschen noch tief verankert, dass wir diese Führung nur dadurch bieten können, dass wir uns »richtig durchsetzen«, wie ein preußischer Offizier auf dem Kasernenhof. Dazu gehört, dass wir Hunde konditionieren, um bei ihnen ein bestimmtes Verhalten zu verstärken oder ein Vermeidungsverhalten anzuerziehen. Damit befriedigen wir aber nicht die natürlichen Bedürfnisse des Hundes, sondern unser Bedürfnis nach einem guten „Diensthund“.

Leckerlies oder Strafen sind die Verstärker, mit denen wir dabei arbeiten. Diese Methoden sind allerdings alles andere als artgerecht, denn in einem Rudel bekommen die Junghunde auch kein Leckerlie, wenn sie sich richtig verhalten. Und trotzdem lernen sie jeden Tag etwas Neues, um sich in das Rudel einzufügen. Hunde schaffen es, ihre Welpen zu erziehen, ohne sie ständig mit einem Leckerlie zu belohnen.

Ein Wort zum Ruhebedürfnis Deines Hundes

Auch beim Ruhebedürfnis der Hunde schließen wir Menschen zu oft von uns auf den Hund. Schließlich brauchen wir nur acht Stunden Schlaf und verbringen zwei Drittel des Tages mit Aktivität. Hunde schlafen allerdings anders als wir! Während wir nachts lange Tiefschlafphasen einlegen, dösen Hunde eher und verschlafen so rund zwanzig Stunden des Tages. Welpen, ältere Hunde oder säugende Hündinnen haben ein noch größeres Ruhebedürfnis und brauchen bis zu 22 Stunden am Tag.

Das widerspricht natürlich unserem Bild, dass wir unserem Hund ständig »etwas bieten« müssen. Braucht er nicht täglich stundenlangen Auslauf, Spiel, Training, Beschäftigung? Müssen wir ihm nicht bunte Bällchen, Kauknochen, Spielsachen kaufen, ihn in der Hundeschule anmelden und ihm »Hobbys« ermöglichen, damit er sich ausgelastet und gefordert fühlt?

Das Tagespensum mancher Hunde erinnert an Kinder, die so viel gefördert werden, dass sie keine Kindheit mehr haben. Oft sind es leider genau diese Hunde, die unruhig und überdreht sind und gar nicht mehr in die Ruhe finden. Denn das Ruhebedürfnis des Hundes ist weitaus mehr als die Lust, sich mal richtig auszuschlafen.

Ihre Ruhe ist Hunden heilig!

In der Natur gibt es im Rudel eine heilige Regel: »Wenn keiner was von mir will, ist alles gut.« Jede Interaktion unter Hunden ist immer eine direkte Handlungsaufforderung und kann Stress auslösen. Kein Hund sagt seinen Artgenossen einfach mal Hallo, um Hallo gesagt zu haben!

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Diese Hunde sagen gerade: Alles ist gut, schlaft weiter!

Nicht beachtet zu werden, bedeutet daher in der Hundekommunikation: »Du hast alles richtig gemacht, Du kannst Dich entspannen!« Der Weg zu einem ruhigeren Hund führt also nicht über Aktivitäten, damit er sich mal richtig auspowern kann. Der Weg zu mehr Ruhe führt ganz einfach über Ruhe.

Wäge also immer gut ab, ob Du Deinen Hund ansprichst und achte darauf, ob er gerade ruhig und zufrieden an seinem Platz liegt oder ob er eine aktive Phase hat und gern etwas unternehmen würde. Aber keine Sorge: Du musst nicht Deinen Tagesablauf nach dem Hund richten. Da Hunde Gewohnheitstiere sind, ist er Dir dankbar, wenn Du ihn an bestimmte Tageszeiten gewöhnst, zu denen Ihr gemeinsam auf Entdeckungstour geht, durch Pfützen springt und um die Wette rennt.

Lebe das Verhalten vor, das Du Dir von Deinem Hund wünschst!

Respekt für die Bedürfnisse des Hundes ist der erste wichtige Schritt in Eure entspannte Mensch-Hund-Beziehung. Und diesen Respekt kannst Du Deinem Hund auf viele Arten vorleben, um ihn zu einem einfühlsamen Partner zu machen, der Dich als Leittier respektiert.

Wenn Dein Hund zum Beispiel ein Bedürfnis nach körperlicher Distanz zeigt und sich ein Stück von Dir wegbewegt, respektiere einfach, dass ihm gerade nicht nach Nähe zumute ist. Das ist für ihn eine schönere Liebeserklärung als ständiges Streicheln und Betüdeln. Aus Deinem Respekt vor seinem Bedürfnis lernt er, auch Dein Bedürfnis zu respektieren, wenn Du mal auf dem Sofa liegen möchtest, anstatt Stöckchen zu werfen.

Wenn Dein Welpe ein Pfützchen auf den Teppich macht, respektiere, dass er einfach noch nicht so lange einhalten kann und reagiere auf sein Bedürfnis, indem Du ihn öfter nach draußen bringst. Denn auch er möchte stubenrein werden! Kein Tier beschmutzt gern sein eigenes Zuhause. Den Welpen mit der Nase in das Malheur zu stoßen oder ihn in die Seite zu zwicken, vermittelt ihm keinen respektvollen Umgang miteinander. Es konditioniert ihn nur auf Vermeidungsverhalten. Dadurch stärkst Du aber nicht Eure Bindung!

Nur durch eine sichere Bindung erreicht Dein Hund eine Gefühlsebene, die ihm intrinsische Motivation ermöglicht. Ein intrinsisch motivierter Hund tut Dinge nicht, um negative Sanktionen zu vermeiden, sondern weil er sie von sich aus tun möchte. Wenn Dein Hund sensibel auf Deine Wünsche reagiert, weil er gern mit Dir zusammenarbeitet, spürst Du sofort den Unterschied!

Muss ich etwa alles tun, was mein Hund will?

Nein! Ja! Was denn nun?! Dein Hund hat das Bedürfnis, als lernendes und soziales Wesen in seiner eigenen Art wahrgenommen zu werden. Er möchte, dass Du Ruhe und Sicherheit ausstrahlst und ihm die Führung bietest, die er auch unter Artgenossen im Rudel bekommt. Das ist die Aufgabe eines Leittiers: Mit Gelassenheit zu sagen, wo es langgeht.

Wenn Dein Hund bettelt, heißt das nicht, dass Du sein Bedürfnis nach Deinem Butterbrot befriedigen musst. Es heißt, dass Du ihm ruhig und klar vermitteln musst, dass er Dein Butterbrot nicht bekommen wird. Denn damit befriedigst Du sein Bedürfnis nach Orientierung, klaren Grenzen und Lerneffekten. So fühlt er sich in Deiner Gegenwart geborgen und kann sich merklich entspannen.


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